von
A. Kraus
published in: Kleinheubacher Berichte
2000
Abstract:
Seit Inbetriebnahme des 100-Meter-Teleskops vor fast
30 Jahren wurde
das System ständig verbessert, so daß es jetzt sowohl vom
Primär-
als auch vom Sekundärfokus bis zu einer Frequenz von 43GHz voll
einsatzfähig ist; gelegentlich werden sogar
Interferometrie-Beobachtungen bei 86GHz durchgeführt. Die
Auflösung des Teleskops (d.h. die Öffnung der Antennenkeule)
beträgt bei 43GHz nur noch etwa 20 Bogensekunden. Um diese hohe
Auflösung und damit die optimale Empfindlichkeit nutzbar zu machen
(und einen effektiven Beobachtungsbetrieb zu gewährleisten), ist
eine Positionsgenauigkeit von 2-3'' (10% der Keule)
notwendig. Dazu werden regelmäig die Instrumentenfehler
(z.B. Neigung der Grundebene, Kollimation der Achsen, gravitative
Verbiegungen) gemessen, die sich im Rahmen der geforderten Genauigkeit
systematisch mit der Zeit ändern. Für widrige Bedingungen wie
starke Winde oder differentielle Aufheizung des Teleskops durch
Sonnenschein kann die gewünschte Positionsgenauigkeit nicht
erreicht
werden. Mit der Überwachung der Temperatur in vielen Bauteilen des
Teleskops, mit Neigungsmessern nahe der Elevationsachse und mit
Windmessungen soll versucht werden, die Grundlagen für eine
interaktive Korrektur dieser Umwelteinflüsse zu gewinnen.
Einführung
Die Pointingtheorie beschreibt den Zusammenhang zwischen den
astronomischen Koordinaten einer Radioquelle und den Winkelmessungen
des Teleskops. Sie gibt Auskunft über den Positionsunterschied
zwischen Antennenkeule und Radioquelle, sie beschreibt also die
Genauigkeit der Positionierung des Instruments. Eine erste
Formulierung des Pointingmodells für das 100-Meter-Teleskop findet
sich bei Stumpff (1972).
Das 100-Meter-Radioteleskop des Max-Planck-Instituts
für
Radioastronomie (MPIfR) in Bad Münstereifel-Effelsberg ist ein
Altazimutinstrument, es ist also um zwei zueinander senkrechte Achsen
(die Azimut- bzw. Stehachse, und die Elevations- bzw. Kippachse)
drehbar (Abb.
1).
Beobachtungen
werden bis zu einer Frequenz von 43GHz durchgeführt (gelegentlich
sogar bei 86GHz); die Antennenkeule hat bei dieser Frequenz eine
Halbwertsbreite von etwa 20 Bogensekunden (bzw. 10
Bogensekunden). Somit ist für einen effektiven
Beobachtungsbetrieb eine Positionsgenauigkeit von ca. 2-3
Bogensekunden notwendig. Die Steuerung des Teleskops erlaubt eine
Positionierung mit <1 Bogensekunde Unsicherheit; dies entspricht
einem absoluten Wert von ca. 0,15mm an der Schiene bzw. am
Elevationszahnkranz.
Im folgenden gehen wir davon aus, daß die Position
der kosmischen
Radioquellen in einem astronomische Koordinatensystem exakt bekannt
ist. Dies ist durchaus gerechtfertigt; viele Quellpositionen sind mit
den Methoden der Radiointerferometrie mit hoher Genauigkeit (<1
Bogensekunde) bestimmt. Ebenso werden auch die aktuelle Zeit sowie die
geographische Breite des Effelsberger Teleskops als bekannt
vorausgesetzt. Daraus ergibt sich zu einer bestimmten Zeit durch
einfache Koordinatentransformation die Quellposition im
Horizontalsystem. Bei der Beobachtung stellt sich jedoch heraus, da
diese berechnete Position von der gemessenen (also von den Ablesungen
der Winkelmeßgeräte des Teleskops) abweicht. Der Grund
hierfür ist in instrumentellen Eigenschaften zu suchen, die das
Pointing beeinflussen.
Hier werden diese Eigenschaften zunächst
beschrieben. Die
entsprechenden analytischen Korrekturterme werden gezeigt und es wird
dargestellt, wie die Pointing-Parameter bestimmt werden.
Abschließend
wird diskutiert, welche kurzzeitigen Effekte zusätzlich auftreten
können.
Das 100-Meter-Radioteleskop des
MPIfR in Effelsberg.
![\includegraphics [width=9.5cm]{tel1.ps}](fig1.png) |
Das Pointingmodell
Die folgenden Eigenschaften des Teleskops beeinflussen
die
Positionierung
des Teleskops. In ähnlicher Form ließe sich auch das
Pointingmodell für
ein beliebiges Teleskop darstellen.
- Neigung der Grundebene bzw. der Stehachse des
Teleskops
(Inklination): Hieraus resultiert eine Abweichung im
Elevationspointing in Richtung der Neigung; senkrecht dazu ergibt sich
eine Ungenauigkeit in Azimut. Dies wird durch jeweils zwei
Korrekturterme (Neigung nach Norden bzw. Osten) für Azimut und
Elevation berücksichtigt.
- Nullpunktsfehler der
Winkelmeßeinrichtungen: Diese verursachen je einen Fehler in
Azimut bzw. Elevation.
- Kollimation der Achsen: der Winkel zwischen
der Azimut-
(Steh-) und der Elevations- (Kipp-) Achse sollte im Idealfall 90o
betragen. Eine Abweichung hiervon wird durch einen Term in
Azimut berücksichtigt.
- Kollimation des Teleskops: auch der Winkel
zwischen der
Antennenkeule und der Elevationsachse beträgt im Idealfall 90o.
Wiederum wird eine Abweichung durch einen Term in Azimut
korrigiert.
- Positionsfehler: Hierunter fallen
Unsicherheiten bei der
geographische Breite des Observatoriums sowie Fehler in den
Koordinaten der Radioquelle. Diese sind heute vernachlässigbar.
- Verbiegung beim Kippen: Das Teleskop ist
keine starre
Konstruktion. Durch die Schwerkraft können beim Kippen
Verformungen
auftreten, die das Pointing in Elevation verändern. Zur Korrektur
war in der ursprünglichen Pointingtheorie (Stumpff, 1972) ein Term
vorgesehen; ein zweiter wurde wenig später als nötig erachtet
und
hinzugefügt.
- Refraktion: Diese ist strenggenommen keine
Eigenschaft des
Instruments. Da die Refraktion aber zusammen mit dem Pointingfehler
korrigiert wird, soll sie hier der Vollständigkeit halber
berücksichtigt werden. Die Refraktionskonstante wird direkt aus
Wettermessungen (Druck, Feuchte, Temperatur) berechnet.
Mathematisch stellt sich das Pointingmodell durch zwei
Korrekturterme
für die Positionierung in Azimut und Elevation dar:
Azimut:
|
|
| Azicorr · cos Elv |
= |
P1 · cos Elv |
|
Nullpunktsfehler |
| |
+ |
(
P2 + COL*) |
|
Kollimation |
| |
+ |
P3 · sin Elv |
|
Kollimation der Achsen |
| |
+ |
P4 · cos Azi
· sin Elv |
|
Inklination 1 |
| |
+ |
P5 · sin Azi
· sin Elv |
|
Inklination 2 |
| |
|
|
|
|
| |
|
|
|
|
Elevation:
|
|
| Elvcorr |
= |
(
P7 + NULE) |
|
Nullpunktsfehler |
| |
- |
P4 · sin Azi |
|
Inklination 1 |
| |
+ |
P5 · cos Azi |
|
Inklination 2 |
| |
+ |
P6 · cos Azi
· sin Elv |
|
Positionsfehler (heute zu
vernachlässigen) |
| |
+ |
P8 · cos Elv |
|
Verbiegungsterm 1 |
| |
+ |
P9 · sin Elv |
|
Verbiegungsterm 2 |
| |
( + |
R · cot Elv ) |
|
Refraktion |
Das Pointing des Teleskops hängt also von den 9
Parametern Pi
ab (zuzüglich des Refraktionsterms), die geeignet bestimmt werden
müssen (siehe unten). Die Korrekturen werden vor jeder Messung
berechnet und die Änderungen den aus den Quellkoordinaten
abgeleiteten Winkeln hinzugefügt. Die Konstanten COL*
und NULE
bezeichnen Korrekturen, die der Beobachter direkt einfügen kann,
um
kurzzeitige Abweichungen (vgl. unten) zu berücksichtigen.
Positionsfehler in Elevation (in
Bogensekunden) gegen Elevation (in
Grad): Beobachtetes Pointing (Dreiecke), angepasste Korrekturfunktion
(Parameter P8, P9 ), und korrigiertes Pointing
(Quadrate).
|
Ermittelung der Parameter
Um die Parameter Pi, die das Pointing
bestimmen, zu
ermitteln, wird eine große Anzahl von punktförmigen Quellen,
die über den gesamten Himmel verteilt sind, beobachtet. Die
Messung der Quellposition (im Horizontalsystem) geschieht durch
sogenannte Kreuzscans: Dabei wird die Antennenkeule jeweils in Azimut
und Elevation über die Quellposition bewegt; dies geschieht bis
zu einem ausreichend großen Abstand von der Quelle. Aus der
Faltung der gaussförmigen Antennenkeule mit der Punktquelle
ergibt sich ein gaussförmiges Signal. Die Amplitude dieser
Gaußkurve ist ein Maß für die Flußdichte der
Quelle; weiterhin läßt sich die Halbwertsbreite der
Antennenkeule ablesen. Schließlich kennzeichnet die Abweichung
des Maximums von der Mitte des Scans die Positionsungenauigkeit.
Die Pointing-Parameter werden durch einen
Least-Square-Fit der
Korrekturterme an die Messungen bestimmt. Ein Beispiel zeigt Fig.
2:
Hier ist die
Positionierung in
Elevation gegen Elevation dargestellt. Die Dreiecke stellen das
gemessene Pointing dar, man erkennt unschwer eine signifikante
Abhängigkeit von der Elevation. Diese wird von den
Verbiegungstermen (Parameter P8 und P9)
hervorgerufen. Die durchgezogene Linie kennzeichnet den entsprechenden
Teil der Pointingfunktion. Die Quadrate zeigen das korrigierte
Pointing; die Verbesserung ist deutlich zu sehen.
Mit dieser Methode wird eine mittlere Unsicherheit von
etwa 3
Bogensekunden (über den gesamten Himmel) erreicht. Die
Wiederholbarkeit des Pointings ist allerdings deutlich besser. Direkt
aufeinander folgende Messungen zeigen gewöhnlich Abweichungen
kleiner als eine Bogensekunde.
Veränderung der Neigung der
Grundebene des Teleskops (Parameter
P4 - Kreise, P5 - Dreiecke) im Jahr
1999.
|
|
Bei erneuter Bestimmung des Pointings im Abstand von
einigen Wochen
bis Monaten wurde festgestellt, dass die Parameter unterschiedlich
stark variieren. Beispielhaft ist in Abb.
3 die
Veränderung der
Parameter P4 und P5 (die die Neigung der
Grundebene beschreiben) im Jahr 1999 gezeigt. Es zeigen sich
Unterschiede von einigen Bogensekunden zwischen den einzelnen
Messungen. Somit ist klar, da sich die Neigung der Grundebene des
Teleskops geringfügig, aber signifikant innerhalb von Wochen bis
Monaten ändert. Dies ist durch geodätische Messungen
qualitativ bestätigt worden.
Neben den Unsicherheiten durch die langzeitigen
Variationen der
Pointingkonstanten Pi, treten auch kurzzeitige
Veränderungen des Pointings durch Umwelteinflüsse auf. Es
ist leicht einzusehen, da ein Parabolspiegel mit 100 Metern
Durchmesser empfindlich auf Wind reagiert. Temperaturschwankungen und
Temperaturdifferenzen zwischen Teilen des Teleskops (z.B. durch
seitliche Sonneneinstrahlung) verursachen Verzerrungen in der Struktur
des Spiegels und dadurch Pointingfehler (vgl. Bayley, 1994). Dabei
wurden Positionsabweichungen von 30 und mehr Bogensekunden beobachtet.
Um diese Effekte genauer zu untersuchen, sind 19
Temperatursensoren an
verschiedenen Stellen im Teleskop sowie vier Neigungsmesser nahe der
Elevationsachse montiert. (Darüberhinaus werden auch Windrichtung
und -geschwindigkeit regelmäig gemessen.) Damit wird versucht,
die Temperaturdifferenzen und die zusätzliche Teleskopneigung mit
den beobachteten Pointingfehlern zu korrelieren. Ein Beispiel findet
sich in Abb.
4:
Hier sind die
Pointingfehler in Elevation, die Temperaturdifferenz zwischen Vorder-
und Rückseite eines Stahlträgers der Stützstruktur,
sowie die Ausgabe eines Neigungsmessers dargestellt. Deutlich sind
Korrelationen zwischen den drei Größen zu sehen: Bereits
recht klein erscheinende Temperaturunterschiede (von ca. einem Grad)
können offensichtlich beachtliche Positionsfehler ( >20
Bogensekunden) verursachen.
Kürzlich wurden weitere Temperatursensoren in das
Teleskop
gebracht. Weitere Untersuchungen in der nahen Zukunft sollen es
ermöglichen, die beobachteten Korrelation auch quantitativ zu
beschreiben. Das Ziel ist es, auf diese Weise die schnellen
Variationen des Pointings auf Grund der Umwelteinflüsse zu
korrigieren.
Einfluß von
Temperaturdifferenzen in der Teleskopstruktur auf das
Pointing: Dargestellt sind (in Bogensekunden) die Ausgabe eines
Neigungsmessers (Dreiecke) und der Pointingfehler in Elevation
(Kreise), sowie (in Grad Celsius) die Temperaturdifferenz zwischen
Vorder- und Rückseite eines Trägers der Stützstruktur
(durchgezogenen Linie). Die Daten sind gegen eine fortlaufende
Beobachtungsnummer aufgetragen (entsprechend einem
Beobachtungszeitraum von ca. 60 Stunden). Korrelationen zwischen den
drei Größen sind deutlich zu sehen.
|
|
Danksagung: Mein ausdrücklicher
Dank
gilt Herrn Dr. W.J. Altenhoff
für viele nützliche Kommentare und Anregungen.
-
- Bayley et al.(1994)
- Bayley, A. M., Davis, R. J., Haggis, J. S., and
Kärcher, H., Thermal
effects on the pointing of the 32-m MERLIN radio telescope at
Cambridge, Astronomy and Astrophsysics, 283, 1051-1057,
1994.
- Stumpff(1972)
- Stumpff, P., Astronomische Pointingtheorie für
Radioteleskope. Kleinheubacher Berichte, 15,
431-437, 1972.
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Alex Kraus
2000-11-24